Berlinale 2026: Nichts gelernt aus den Vorgängen um ''No Other Land'' auf der Berlinale 2024
- Hans-Jürgen Weissbach
- 27. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Feb.
Wieder mal macht die Berlinale Schlagzeilen. Bei der Preisverleihung 2024 hatte der israelische Mitregisseur Yuval Abraham in seiner spontanen Dankesrede die israelische Besatzung im Westjordanland als Apartheid bezeichnet. Dort waren nach dem 7. Oktober 2023 mehr als 400 Palästinenser getötet worden. Seine Rede wurde vom Publikum mit großem Beifall bedacht. Kultursenator Joe Chialo bezichtigte Abraham des Antisemitismus, woraufhin die Regisseure juristisch gegen die Vorwürfe vorgingen. Unter anderem kündigten sie Schritte gegen die Stadt Berlin an, die auf ihrer Website behauptet hatte, dass die Dokumentation antisemitische Inhalte hätte. Im selben Jahr gewann das Werk den Europäischen Filmpreis. Bei der Oscarverleihung 2025 wurde No Other Land als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Die im April 2024 berufene Chefin der Berlinale Tricia Tuttle darf nun "vorläufig" auf ihrem Posten bleiben, nachdem Kulturstaatsminister Weimer für den 26. Februar eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats einberufen hatte, bei der es um ihre "Zukunft" gehen sollte. Medien hatten berichtet, dass Weimer ihre Ablösung gefordert hatte, weil sie nicht verhindert habe, dass sich mehrere Filmemacher während des Festivals zum Krieg in Gaza geäußert haben und insbesondere weil der syrisch-palästinensische Regisseur und Preisträger Abdallah Alkhatib ("Chronicles from the Siege") in seiner Dankesrede die Bundesregierung als "Partner des Völkermordes in Gaza“ bezeichnete. Alkhatib sagte, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben : "Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war." Indem sie diese Äußerungen zuließ, habe Tuttle, die sich am Vortag mit Alkhatib, seinen Kollegen und einer palästinensischen Fahne fotographieren ließ, die Politisierung des Festivals gefördert und außenpolitischen Schaden angerichtet. Insbesondere die letzte Äußerung Alkhatibs wurde als "Drohung" gegenüber Deutschland interpretiert.
Im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung hatte Weimer offenbar die BILD-Zeitung mobilisiert, um Druck auf Patricia Tuttle auszuüben. Er hoffte wohl, dass sie angesichts der Schlagzeilen freiwillig das Handtuch wirft. Das sollte sie nicht tun. Inzwischen unterstützen fast 2000 nationale und internationale Filmschaffende und andere Kulturaktivistinnen und -aktivisten Tuttle und sprechen sich gegen ihre Ablösung und für die künstlerische und Meinungsfreiheit aus. Tuttle habe nur eine Debatte zugelassen und nicht sofort abgewürgt, aber selbst keine zu kritisierenden Aussagen getroffen. Schon seit Jahren haben sich Filmschaffende auf der Berlinale zu Kriegen, Menschenrechten usw. geäußert. Man kann Tuttle also keinerlei Rechtsverstöße oder Extremismus vorwerfen. Allenfalls hätte sie die Preisverleihung angesichts der hohen Sensibilitäten aktiver moderieren können. Ihre Abberufung würde das Image der Berlinale als offenes, kritische Festival gefährden und internationale Filmschaffende abschrecken.
Weimers Aktion wirkt wie der Versuch indirekter Zensur und autoritärer Entpolitisierung und Kontrolle des Festivals durch ein Personalopfer. Das würde den Ruf der Berlinale international erneut schädigen.
Von einer Abberufung würde in erster Linie der wegen seiner Ungeschicktheiten und seiner kulturkämpferischen Positionen unter Beschuss stehende Wolfram Weimer selbst profitieren, der durch eine solche Symbolpolitik die konservativ-rechtspopulistische Kritik und die der jüdischen Institutionen abfedern und "Ruhe" schaffen könnte. So argumentierte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein (CDU) in der "Jüdischen Allgemeinen":
"Die Bühne der Berlinale als Podium für Hass und Hetze gegen Israel zu nutzen ist nicht nur inakzeptabel, sondern nimmt auch jenen Künstlerinnen und Künstlern Raum, denen es darum geht, wofür die Berlinale wirklich steht. [...] Ich bedaure es sehr, dass die politische Instrumentalisierung der Berlinale mittlerweile zu einem Ritual geworden ist. Mit seinen Äußerungen zeigt Abdallah Alkhatib Ignoranz gegenüber seinem Gastland, der deutschen Geschichte und der historischen Bedeutung des Verhältnisses zum Staat Israel."
Kleins Bedauern wirkt selbst wie ein hilfloses Ritual und eine Pflichtroutine angesichts nicht zu unterdrückender Diskurse um Kunst- und Meinungsfreiheit und der Politik Israels, ebenso wie Volker Becks erfolglose Anzeige gegen die Veranstalter der ''Comune''-Ausstellung in Postdam vom Dezember 2025 (siehe unseren letzten Blogbeitrag). Immerhin reicht es für Klein offenbar nicht einmal für eine symbolische Anzeige gegen Tuttle ...
Seltsam ist auch die Interpretation von Alkhatibs Äußerung als Drohung, worauf am 27.2. 26 Deniz Yücel im DLF hinwies: Die Erinnerungsfloskel "Kein Vergeben, kein Vergessen" gehöre zum festen Repertoire der deutschen Erinnerungsrhetorik. Den Palästinensern gestatte man aber nicht, an die (Mit-)Täter des Gazakriegs dauerhaft zu erinnern. Umso merkwürdiger sei es, wenn gerade die Nachfahren von Tätern einem Juden wie Yuval Abraham auf der Berlinale 2024 "Antisemitismus" vorgeworfen hätten.
Bei einem Verbleib von Tuttle würden die Kulturszene und die internationale Öffentlichkeit sehen können, dass Deutschland offene Debatten riskiert und Freiheitsrechts wahrt. Im Kern geht es dabei nicht um Israel, sondern um den Konflikt zwischen autoritärer Regelsetzung und Kontrolle einerseits und der Freiheit der Kunst andererseits. Dazu Yücel: Mit der Finanzierung der Berlinale fördere der Bund ja nicht Filme mit bestimmten Meinungen, sondern die Autonomie der Kunst.
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